Amarone della Valpolicella

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Und du verwachsch wieder nume i dinere Wohnig. Vor em einte Fenschter schifft’s und vor em andere isch’s sunnig.

Als Erstes spüre ich den Pelz, dann überschwemmt mich der Gestank. Als wäre mir ein Nager im Schlaf in den Rachen gekrochen, um dort zu verenden, liegt mir die Zunge zwischen den gelben Zähnen und verpestet Mund und Nase. Ich löse meine Glieder aus den unnatürlichen Verrenkungen der Nacht, strecke die Arme aus, drücke den Rücken durch, bis die Wirbel knacken, setze mich auf, viel zu schnell, jaule, falle, stoße mir den Kopf am Bücherregal, jaule erneut, aber lauter, und bleibe liegen, bis die Blitze weniger werden. Ich öffne die Augen und blicke zur Decke. Zwei Astlöcher im Balken starren zurück, fixieren mich mit ihren hölzernen Pupillen wie ein Raubvogel die Maus im Gras. Ein Uhu vielleicht. Mein Blick verschwimmt, die Schläfen pulsieren im Rhythmus der Musik. Ich drehe mich zur Seite, taste mit kribbelnden Händen nach dem Handy und drücke auf Stopp. Taub von der plötzlichen Stille lausche ich dem Takt des Blutes, bis ich wieder hören kann. Dann stehe ich erneut auf, diesmal mit Erfolg.

Mit Ameisen in den Beinen und Restalkohol im Blut torkle ich in die Küche, drücke zwei Tabletten aus dem Blister und mir in den Mund, spüle sie mit einem Schluck aus einem halbvollen Glas hinunter, schütte den Inhalt von zwei weiteren nach, will alles wieder hervorwürgen, zwinge mich, es nicht zu tun. Mit einem Seufzer lasse ich mich auf den Stuhl neben der Küchenzeile fallen, schaue durchs dreckige Fenster nach draußen und warte, bis der Alkohol und das Aspirin wirken. Die Herbstsonne klebt am diesigen Himmel, wagt sich kaum über die Wipfel der Bäume hinaus und trocknet nur zögerlich die vom Regen nassen Pflanzen vor dem Haus.

„Lass uns einfach eine Weile wegfahren, unser Zehnjähriges feiern, nur wir zwei. Nach Verona vielleicht. Wir können schauen, ob das Ristorante noch da ist, weißt du dort, wo wir unseren Wein entdeckt haben. Was meinst?“

Ich höre mir deine Nachricht an, drücke sie weg, öffne sie erneut und schließe sie wieder. Es war wie immer gewesen: Du hattest nicht sehen wollen, was offensichtlich war, und lebtest die Lüge in der Hoffnung, sie würde wahr werden. Ich öffne die Musik-App und starte die Playlist von Neuem. Aus dem Wohnzimmer schnulzt Schlager. Nur die Liebe im Gepäck. Du und ich, Herz an Herz. Ich stehe auf, halte mich auf dem Weg zurück an einer angebrochenen Flasche Wein fest und schleppe uns beide in Richtung Musik. Der Uhu empfängt uns.

Den ganzen Text gibt es in Ausgabe #116 „Traube –­ Von Mensch bis Wein“ der Zeitschrift „DUM – Das Ultimative Magazin“ zu lesen. Hier geht es zur Ausgabe.

Im Text kommen vereinzelte Zeilen aus den folgenden Liedern vor:

  • Stahlberger, Du verwachsch wieder nume i dinere Wohnig (2014)
  • Wolkenfrei, Ein Zelt am See (2015)
  • The Weeknd, Blinding Lights (2019)
  • Rammstein, Du hast (1997)
  • Renato Zero, I migliori anni della nostra vita (1995)
  • Ornella Vanoni, Rossetto e cioccolato (1995)
  • Avril Lavigne, Love Sux (2022)
  • Mine, Klebstoff (2019)
  • Fritzi Ernst, Außer mir (2021)
  • Dieter Wiesmann & Georg della Pietra, Di nid fertig Liebi (1994)
  • Sigrid Horn, Kassandra (2018)

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