{"id":66,"date":"2024-10-12T13:28:02","date_gmt":"2024-10-12T13:28:02","guid":{"rendered":"https:\/\/camilleherter.com\/?p=66"},"modified":"2024-10-12T13:28:02","modified_gmt":"2024-10-12T13:28:02","slug":"jo-da-choemmr-mache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/camilleherter.com\/index.php\/2024\/10\/12\/jo-da-choemmr-mache\/","title":{"rendered":"Jo, da ch\u00f6mmr mache!"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Schweiz ist kein Land des Geistes und ich glaube, das hat viel mit Sprache zu tun. Denn auf Schweizerdeutsch lassen sich keine grossen Gedanken fassen \u2013 wie auch, wenn jedes dritte Wort ein Diminutiv ist? Der helvetische Hang zum Verniedlichen hat eine Selbstverzwergung zur Folge, mit der alles kleiner wirkt, als es ist. Man muss deshalb nicht an den Rheinfall oder an den Luganersee fahren, um Schweizer Miniaturwelten zu erleben. Es reicht, dass ein Deutschschweizer den Mund aufmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wom\u00f6glich hat das auch mit der Geografie zu tun, wobei sich schwerlich sagen l\u00e4sst, was zuerst da war \u2013 die Kleinr\u00e4umigkeit oder die Kleingeistigkeit \u2013 und ob das eine das andere bedingt. In der Schweiz hat es zwar unz\u00e4hlige Berge, um in die Ferne zu schauen, trotzdem fehlt die weltm\u00e4nnische Weitsicht, weil viele den Blick bloss nach innen wenden wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>So kommt es dann wie j\u00fcngst in Schaffhausen, dass die einen das Zers\u00e4gen von gelben Sitzb\u00e4nken als grossen k\u00fcnstlerischen Wurf feiern, w\u00e4hrend die anderen darin eine unversch\u00e4mte Provokation sehen, obwohl es im Grunde bloss eine teure Banalit\u00e4t ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch hat die sprachlich bedingte Kleingeistigkeit der Mundart ihre Vorteile: Sie bewahrt uns auf nat\u00fcrliche Weise davor, in Gr\u00f6ssenwahn zu verfallen. Wer auf Schweizerdeutsch Weltmachtfantasien hegt, wirkt nicht bedrohlich, sondern bedauerlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mundart taugt nicht zum Verf\u00fchren und Bet\u00f6ren. Es fehlt der Sex-Appeal, das Charisma, das Pathos. Mit \u00abJo, da ch\u00f6mmr mache!\u00bb w\u00e4re Barack Obama bestimmt nicht zum m\u00e4chtigsten Mann der Erde gew\u00e4hlt worden. Deshalb haben wir den Deutschen Schiller gebraucht, um aus einem grummeligen Innerschweizer mit Autorit\u00e4tsproblemen einen Nationalhelden zu zimmern, und deshalb haben wir auch heute noch Minderwertigkeitskomplexe, wenn uns die Nachbarn im Norden rhetorisch an die Wand reden. Wo Hochdeutsch in all seiner Strenge und Korrektheit die Z\u00fcgel der Macht schwingt, kommt Schweizerdeutsch daher wie ein Plausch im Pfadilager. Vielleicht haben wir auch darum den Drang, alles zu perfektionieren, weil wir wissen, dass unsere Produkte f\u00fcr sich selbst sprechen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schweiz ist ein kleines Land mit kleiner Sprache und h\u00e4tten wir im Zweiten Weltkrieg nicht die Viersprachigkeit als Waffe f\u00fcr die Geistige Landesverteidigung eingesetzt, wir w\u00e4ren wohl nie mehr aus dem R\u00e9duit herausgekommen. Zum Gl\u00fcck aber zwingt uns der Austausch \u00fcber die Sprachgrenzen dazu, das Schweizerdeutsch ab und zu abzulegen, wenn wir von unseren Mitb\u00fcrgern verstanden werden wollen. So haben wir es dem Franz\u00f6sischen, dem Italienischen und auch dem Romanischen zu verdanken, dass sich die Schweiz geistig nicht vollends einigeln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich nun \u00e4rgert, dass ich so unverfroren \u00fcber unsere wundersch\u00f6ne Mundart schreibe, soll die Zeilen auf Schweizerdeutsch lesen. Er wird merken, was ich meine.<br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Text ist am 10. Oktober 2024 <a href=\"https:\/\/az.geckostudios.ch\/api\/\/issuesapi\/serve\/1216\/pdf\/eyJ0eXAiOiJKV1QiLCJhbGciOiJIUzI1NiJ9.eyJpZHVzZXJzIjoiMTE3OSIsInVzZXJuYW1lIjoic2VydmFuLmdydWVuaW5nZXJAcHJvdG9ubWFpbC5jb20iLCJpZGN1c3RvbWVycyI6IjU1OTAiLCJzdGF0dXMiOiIyIiwibG9jYWxlIjoiZGVfQ0giLCJtYWlsYWRkcmVzcyI6InNlcnZhbi5ncnVlbmluZ2VyQHByb3Rvbm1haWwuY29tIiwicm9sZSI6IjAiLCJleHAiOjE3Mjg5MTI0MzcsInZhbGlkIjoxfQ.5XZOr40zO9558OsAaywpe5OzgFGlkYmFJNadW540GFM\/6695881c2a49b9a65399b136ff3cce12\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">als Kolumne in der Schaffhauser AZ <\/a>erschienen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz ist kein Land des Geistes und ich glaube, das hat viel mit Sprache zu tun. Denn auf Schweizerdeutsch lassen sich keine grossen Gedanken fassen \u2013 wie auch, wenn jedes dritte Wort ein Diminutiv ist? Der helvetische Hang zum Verniedlichen hat eine Selbstverzwergung zur Folge, mit der alles kleiner wirkt, als es ist. 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