Jo, da chömmr mache!

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Die Schweiz ist kein Land des Geistes und ich glaube, das hat viel mit Sprache zu tun. Denn auf Schweizerdeutsch lassen sich keine grossen Gedanken fassen – wie auch, wenn jedes dritte Wort ein Diminutiv ist? Der helvetische Hang zum Verniedlichen hat eine Selbstverzwergung zur Folge, mit der alles kleiner wirkt, als es ist. Man muss deshalb nicht an den Rheinfall oder an den Luganersee fahren, um Schweizer Miniaturwelten zu erleben. Es reicht, dass ein Deutschschweizer den Mund aufmacht.

Womöglich hat das auch mit der Geografie zu tun, wobei sich schwerlich sagen lässt, was zuerst da war – die Kleinräumigkeit oder die Kleingeistigkeit – und ob das eine das andere bedingt. In der Schweiz hat es zwar unzählige Berge, um in die Ferne zu schauen, trotzdem fehlt die weltmännische Weitsicht, weil viele den Blick bloss nach innen wenden wollen.

So kommt es dann wie jüngst in Schaffhausen, dass die einen das Zersägen von gelben Sitzbänken als grossen künstlerischen Wurf feiern, während die anderen darin eine unverschämte Provokation sehen, obwohl es im Grunde bloss eine teure Banalität ist.

Dennoch hat die sprachlich bedingte Kleingeistigkeit der Mundart ihre Vorteile: Sie bewahrt uns auf natürliche Weise davor, in Grössenwahn zu verfallen. Wer auf Schweizerdeutsch Weltmachtfantasien hegt, wirkt nicht bedrohlich, sondern bedauerlich.

Die Mundart taugt nicht zum Verführen und Betören. Es fehlt der Sex-Appeal, das Charisma, das Pathos. Mit «Jo, da chömmr mache!» wäre Barack Obama bestimmt nicht zum mächtigsten Mann der Erde gewählt worden. Deshalb haben wir den Deutschen Schiller gebraucht, um aus einem grummeligen Innerschweizer mit Autoritätsproblemen einen Nationalhelden zu zimmern, und deshalb haben wir auch heute noch Minderwertigkeitskomplexe, wenn uns die Nachbarn im Norden rhetorisch an die Wand reden. Wo Hochdeutsch in all seiner Strenge und Korrektheit die Zügel der Macht schwingt, kommt Schweizerdeutsch daher wie ein Plausch im Pfadilager. Vielleicht haben wir auch darum den Drang, alles zu perfektionieren, weil wir wissen, dass unsere Produkte für sich selbst sprechen müssen.

Die Schweiz ist ein kleines Land mit kleiner Sprache und hätten wir im Zweiten Weltkrieg nicht die Viersprachigkeit als Waffe für die Geistige Landesverteidigung eingesetzt, wir wären wohl nie mehr aus dem Réduit herausgekommen. Zum Glück aber zwingt uns der Austausch über die Sprachgrenzen dazu, das Schweizerdeutsch ab und zu abzulegen, wenn wir von unseren Mitbürgern verstanden werden wollen. So haben wir es dem Französischen, dem Italienischen und auch dem Romanischen zu verdanken, dass sich die Schweiz geistig nicht vollends einigeln kann.

Wer sich nun ärgert, dass ich so unverfroren über unsere wunderschöne Mundart schreibe, soll die Zeilen auf Schweizerdeutsch lesen. Er wird merken, was ich meine.

Der Text ist am 10. Oktober 2024 als Kolumne in der Schaffhauser AZ erschienen.

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