Los

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An den Rändern des Tals ragten die Felsen steil in die Höhe und boten den Einheimischen jene Geborgenheit, die man nur fühlen konnte, wenn man selbst zwischen solchen Gipfeln aufgewachsen war. Unter den Zugezogenen löste der Anblick dagegen eine Beklemmung aus, die sie von Anfang an spürten, aber erst spät beachteten, weil sie ihre romantischen Vorstellungen von ländlicher Idylle nicht aufgeben wollten. Ein Dorf, dem man den bescheidenen Reichtum von einst immer noch ansah, das seine Glanzzeiten aber längst hinter sich hatte, döste inmitten dieses Tals in einem friedlichen Schlummer.

Etwas außerhalb stand, angelehnt an den Waldrand, das untersetzte Haus mit den kleinen Fenstern und den dicken Mauern, die im Sommer die Hitze draußen und im Winter die Wärme drinnen hielten, und die Barbara als Kind das Gefühl gegeben hatten, an keinem Ort besser geschützt zu sein vor den natürlichen und menschlichen Gewalten, die in den Bergen wüten können wie sonst nirgends. Viele Jahre später stand sie wieder vor dem grünen Kachelofen im Wohnzimmer und fragte sich, bedrängt von den massiven Wänden von Haus und Bergen, wann sie daheim zur Fremden geworden war.

Der letzte Faden war wohl mit Markus gerissen. Als Barbara ihr Doktorat begonnen hatte, war Markus als Architekt in die Firma seines Vaters eingestiegen und dahin zurückgegangen, wo er hergekommen war. Ihr war das zu weit weg von der Stadt und zu nahe an den Eltern und sie wusste: Das hatte keine Zukunft. Sie liebten sich, aber gegen getrennte Vorstellungen vom Leben kommt auch die größte Liebe nicht an. Also mussten sich die Vorstellungen der Tochter ändern, befand die Mutter.

Die Trennung von Markus besiegelte, was für alle absehbar, für die Mutter aber nicht akzeptabel war. Sofort hatte sie Barbara davon zu überzeugen versucht, dass sie und Markus es noch einmal probieren sollten („Ihr passt doch so gut zueinander!“), hatte davon geschwärmt, wie toll ihr Ex sei („So einen wie ihn findest du nicht so schnell, Babsi…“) und hatte ihr eine Zukunft ausgemalt („Ich könnte ja auf die Kleinen aufpassen.“), die die Mutter frohlocken, Barbara jedoch erschrecken ließ.

Barbara wusste, dass ihre Mutter wusste, dass sie nicht zurückkehren wollte. Sie wusste aber auch, wie wenig sie ihre Mutter überzeugen konnte, egal bei welchem Thema, gerade bei diesem Thema. Wie sie nun hier saß, auf Einladung zu einem Essen daheim („So ein Abschluss will gefeiert werden!“), das einem ganz anderen Zweck diente als angekündigt („Du musst dir unbedingt die Pläne anschauen, die Markus gezeichnet hat.“), da spürte sie, dass der Besuch keine Ankunft, sondern ein Abschied bedeutete.

Draußen hockte der Hochnebel über dem Land, das erstarrt dalag und auf den Frühling wartete. Drinnen saß Barbara in einer Stube, in der die Zeit stillgestanden war und in der niemand außer sie selbst einen Drang nach Veränderung zu spüren schien. Als ob sie diesen Gedanken unterstreichen wollte, trat die Mutter mit einer kalten Platte aus der Küche, wie sie es in Barbaras Kindheit stets getan hatte, um die sonntägliche Jause aufzutragen. Geselchtes, kalter Braten und Speck türmten sich zwischen Keilen von verschiedenem Käse („Vom Toni, weißt du. Der hat jetzt die Käserei vom Vater übernommen.“); dazwischen kleine Hügel von Kren, bei dem die Nase schon vom Weitem wohlig zu kribbeln begann, und versprengte bunte Flecken von Gemüse, mehr Dekoration als Speise. Hinter der Mutter folgte Barbaras Vater mit Butter, Senf, Preiselbeeren und einem Laib Brot, dessen zerfurchte Kruste das noch warme Innere beschützte und sich beim Anschneiden mit einem Knuspern öffnete.

Die Fragen, die beim Essen auf sie einprasselten, nahmen die Antworten schon vorweg. Sie wurden gestellt in wohlmeinender Absicht („Du bist dünn geworden. Isst du auch was Richtiges?“), vermittelten jedoch das Gefühl, unter ständiger Beobachtung zu stehen. Eine liebende, aber auch wertende Beobachtung, die nicht für sich stehen mochte, sich dem anderen nicht nur mitteilen, sondern ihn von der Notwendigkeit der eigenen Sichtweise überzeugen wollte. Eine Beobachtung, die Zuspruch verlangte, ohne Widerspruch zu ertragen und Barbara nur die Flucht in die Schweigsamkeit ließ. Wieso streiten mit jemanden, der nicht aus seiner Haut konnte?

Auch Barbaras Vater schwieg, seit er sich ans Tischende gesetzt hatte. Schwieg und schwitzte und wusste, was kommen würde, ohne zu wissen, was er dagegen tun konnte. Es störte sie weniger, dass er sich aus den Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter raushielt, und mehr, dass sie darin sich selbst wiedererkannte: Die biedere Angepasstheit, die dafür sorgte, ohne Widerspruch, dafür mit demütiger Dankbarkeit das Los zu ertragen, das einem zugeteilt wurde; die unentschlossene Feigheit, die sie Reißaus nehmen ließ vor direkter Konfrontation; die naive Hoffnung, dass die eigenen Leistungen irgendwann schon gewürdigt würden, wenn man nur brav das tat, was von einem verlangt wurde. Bloß hatte ihr Vater eine Biografie, die ihn für das entschuldigte, was er seiner Tochter mit auf den Weg gegeben hatte.

Er war geflohen vor einem Krieg, in dem die letzte Schlacht bereits geschlagen war. Weil die Gewinner nicht wollten, dass die Verlierer zu viel zu sagen hatten, wurden diese von jenen vor eine Wahl gestellt, die keine war: aufgeben, woran man glaubte, oder aufgeben, was man hatte. Barbaras Vater entschied sich für Letzteres, ging fort ohne Besitz, aber mit der Überzeugung, dass der Glaube an eine Zukunft besser sei als eine Zukunft, an die man nicht mehr glauben mochte. So war er als Ingenieur aus der Heimat fortgegangen und hier angekommen als landwirtschaftliche Hilfskraft.

Die Hoffnungen, die er in den Neubeginn setzte, wurden enttäuscht. Dem Ausländer ist es nicht vergönnt, gleichberechtigt an dem teilzuhaben, was sich die Inländer seit Generationen weitergeben. Selbst dann nicht, wenn man, so wie Barbaras Vater, zum noch größeren Patrioten wird als jene, deren Familien seit jeher auf dem gleichen Fleck Erde ausgeharrt haben. Gerade dann nicht. Der Zugezogene, der die hiesige Kultur eifriger lebt als die Alteingesessenen, erobert nicht deren Herzen, sondern macht sich noch unbeliebter als der Fremde, der sich weigert, sein Erbe zu verleugnen und sich vorbehaltlos anzupassen. Denn wenn ein Dahergelaufener die Sitten und Gepflogenheiten besser zu beherrschen lernt als jene, denen sie in die Wiege gelegt wurden, dann zeigt das auch, dass nicht viel dran ist an den patriotischen Einbildungen von angeborener Überlegenheit, auf die man so stolz ist.

Irgendwann gab Barbaras Vater auf. Er resignierte, weil er wieder, wenn auch subtiler, vor diese Wahl gestellt wurde, die keine war. Doch mittlerweile hatte er eine Frau und mit dieser eine kleine Tochter. So behielt er dieses Mal das, was er hatte, und gab dafür das auf, woran er glaubte: dass nicht das zählt, was man vermacht bekommt, sondern das, was man aus sich macht.

Als es dunkel geworden war, verschwanden die Eltern wieder in die Küche, um sich dem Abendessen zu widmen. Während nebenan Schweinebauch mit Knödeln und Sauerkraut zubereitet wurde, dachte Barbara im Wohnzimmer darüber nach, was sie mit dem Abschluss in der Tasche anstellen sollte. Sie wusste, wie stolz ihr Vater auf sie war. Gerade deshalb hatte sie ihm nicht erzählt und würde ihm auch nicht erzählen, dass es ihr in der Hauptstadt nicht anders erging als ihm im Dorf, dass auch sie sich nicht zu wehren wusste gegen die kleinen und großen Gemeinheiten, die ihr zwar nicht täglich, aber doch zu oft widerfuhren. Und sie vermochte nicht zu erkennen, gegen wen sich ihre Wut darüber am meisten richtete: gegen ihn, das Dorf, die Stadt oder doch sie selbst.

Die Kommilitonen und Dozenten an der Fakultät, Kinder von Akademikern, die selbst die Kindeskinder von Eltern mit Abschlüssen waren, wussten zwar nicht, woher sie kam, aber stets, dass sie von woanders kam. Ihr Dialekt verriet sie mit dem ersten Satz, ihre Hemdsärmeligkeit mit der ersten Geste. Am deutlichsten merkte man ihre Herkunft aber am Fehlen jenes Selbstbewusstseins, das einem eine gutbürgerliche Erziehung jenseits finanzieller und sozialer Sorgen mit auf den Weg gibt. Der Drang, nichts Falsches zu denken, zu sagen, zu tun, sich möglichst gut abzusichern und mit jeder Aussage zu beweisen, dass das, was sie sagte, auch Substanz hatte, verriet sie in jenen Kreisen, in denen es keine solche Absicherung braucht, weil das, was zu zählen hat, was wahr und was falsch ist, keine Frage der Fakten, sondern eine der Beziehungen ist. Zu wissen, welche Rolle man im filigranen Geflecht menschlicher Beziehungen zu spielen hat, das wird den einen bereits mit der Muttermilch eingeflößt, während andere es mühselig herausfinden müssen und dann doch nur eine Antwort erhalten, die enttäuscht.

Deshalb nützte es auch nichts, dass sie sich zu tarnen begann, sich richtig kleidete, richtig sprach, sich so verhielt, wie man es von denen erwartete, die etwas zu sagen hatten. Sie verriet sich, weil sie die geheimen Codes nicht zu entschlüsseln wusste, weil sie die für selbstverständlich gehaltenen Anspielungen nicht verstand, weil sie die falschen Leute kannte und weil die richtigen sie nicht kennen wollten. Egal, wie sehr sie sich anstrengte, wie sehr sie sich den Regeln derjenigen unterwarf, die sie umgaben, es kamen stets neue, ungeschriebene Regeln hinzu, die ihr den Zugang zu denen verwehrten, zu denen sie gehören wollte.

Je verbissener Barbara in der Hauptstadt eine neue Heimat suchte, desto heftiger schien die alte wieder nach ihr zu greifen und sie dahin zurückziehen zu wollen, woher sie gekommen war. Auch deshalb saß sie nun hier vor dem feierlich gedeckten Tisch und dem Kranz aus Tannenzweigen, von dem sie nicht wusste, ob er von der Mutter zum Feiern des Abschlusses oder zum Betrauern des Abschieds aufgestellt wurde. Die Schwarte, die krachend zwischen ihren Zähnen zerbrach, transportierte sie in eine Zeit zurück, in der ihr die Tiere nicht bloß tot auf dem Teller, sondern auch lebendig im Stall begegnet waren. Barbara wusste, warum ihre Mutter unbedingt wollte, dass sie zurückkam. Ja, sie liebte sie natürlich. Es war eine erdrückende Liebe, aber doch: Liebe. Dennoch ging es ihrer Mutter auch darum, das Bisschen, das ihr von ihrem eigenen Erbe geblieben war, in die Zukunft zu retten.

Bis zuletzt hatte sie gehofft, hoffte noch immer, dass Barbara auf den Hof zurückkehren und mit einer kleinen Familie heimisch werden würde. Aber statt etwas „Rechtes“ zu lernen und Ärztin oder Agronomin zu werden, hatte sich Barbara dazu entschieden, Deutsch und Geschichte zu studieren. Und weil es zwar Mediziner und Landwirte, jedoch außerhalb der Grundschule weder Historiker noch Germanisten brauchte in der Gegend, begossen sie heute nicht nur Barbaras Abschluss, sondern aßen auch das verfrühte Leichenmahl zu Ehren des kleinen Bauernhauses, in dem sie aufgewachsen war und vor ihr ihre Mutter und davor deren Vater und vor diesem dessen Vater.

Produziert wurde auf dem Hof zwar schon länger nichts mehr. Schon als Barbara auf die Welt kam, war er zu klein gewesen, um noch rentabel zu sein, und zu groß, um ihn alleine zu bestellen. Trotzdem machten sie weiter, bis die Großmutter starb und mit ihr auch der Großvater aufhörte zu leben. Stattdessen begann er, das Ersparte in den Gaststätten der Gegend zu vertrinken, so als wollte er sicherstellen, auf keinen Fall nüchtern vor seinen Schöpfer treten zu müssen. Barbaras Mutter blieb irgendwann nichts anderes übrig, als den Betrieb einzustellen, die Tiere wegzugeben und das Land zu verpachten, um die Familie über Wasser zu halten. Den Verrat, den der Großvater darin sah, rächte er mit seinem eigenen. Er starb, mit dürrem Leib und fetter Leber, und vermachte alles, was er konnte, dem Bruder: den Wald, das verbliebene Ackerland und jenen Teil des Bodens an der Dorfgrenze, der ein Jahrzehnt später zu Bauland werden würde und seine Tochter über Nacht zwar nicht reich, aber zumindest wohlhabend gemacht hätte. Nur das Bauernhaus mit dem alten Stall war ihnen geblieben.

Barbara erlebte das in einem Alter, in dem man alles weiß, aber nichts versteht von dem Schmerz und dem Streit, den die Erwachsenen vergeblich vor den Kindern zu verstecken versuchen. Danach ging sie mit der unausgesprochenen Angst durchs Leben, dass sie alles, was sie erreicht hatte, von einem Moment zum anderen wieder verlieren könnte. Eine Angst, die der Mutter vom Großvater eingepflanzt worden war, die aber erst in der Tochter zur vollen Blüte gelangte und sich verband mit dem auf Anerkennung hoffenden Drang, es allen recht machen zu wollen, den ihr der Vater vererbt hatte.

Dieses Vermächtnis wurde Barbara nicht los, auch wenn sie glaubte, sich losgesagt zu haben von der Enge des Dorfes und den Erfahrungen einer Jugend, die ihr heute noch das Gefühl gaben, nicht zu genügen. Wie sie ihrem Vater zusah, als er mit entschuldigendem Blick in die Küche verschwand, um sich um den Abwasch zu kümmern, während ihre Mutter wieder von den Plänen zu reden begann, an denen Barbara kein Interesse hatte, da fragte sie sich, ob sie sich nicht etwas vortäuschte, ob sie es jemals schaffen würde, sich aus der Umklammerung ihres Elternhauses zu lösen.

Als sie wieder im Auto saß und ihr die vom Mondlicht und vom Schnee strahlenden Berggipfel den Weg aus dem Tal wiesen, dachte sie an diesen Satz, den sie einmal in einem Buch gelesen und seither nicht mehr vergessen hatte: Wer glücklich werden will, muss alle enttäuschen. Sie konnte und wollte die Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllen. Vielleicht hieß glücklich werden aber auch, sich aus den Täuschungen herauszureißen, die man von sich selbst hat.

Sie hatten sich die Pläne dann doch noch angeschaut. Nachdem die Nachspeise abgetragen war – Apfelkuchen mit Schlag, wie ihn Barbara noch immer liebte – hatte sie sich von ihrer Mutter erweichen lassen. „Es dauert nur einen Augenblick, ich verspreche, dass es dir gefallen wird.“ Und es hatte ihr tatsächlich gefallen. Mit den Umbauplänen für den Stall, die Markus auf Bitten ihrer Mutter gezeichnet hatte, konnte man sich ein Zuhause ausmalen, das jene Geborgenheit versprach, wie sie Barbara als kleines Kind das letzte Mal gespürt hatte. Es war ein Anfang, der auf Altes baute, aber Neues wagte.

„Willst Du nicht hierbleiben?“ Für einmal hatte sie gezögert, als die Frage kam. Dann hatte sie die Antwort gegeben, die sie immer gab („Danke, Mama, heute nicht.“), jedoch kurz darauf angefügt: „Ein andermal vielleicht.“ Ihre Mutter würde den Umbau nicht alleine finanzieren können, das wusste Barbara und das wusste natürlich auch ihre Mutter. Doch die Zukunft, von der man weiß, muss nicht die Hoffnung zerstören auf jene, die man sich wünscht. Manchmal reicht auch ein Plan, der nie Wirklichkeit wird, um glücklich zu sein.

Der obenstehende Text hat von 232 Einreichungen den 2. Platz beim Literaturwettbewerb der Stadt Feldbach 2024 zum Thema „Das Vermächtnis“ belegt. Ich danke der Stadt Feldbach dafür, dass sie diesen Wettbewerb ausgerichtet und mir damit die Motivation gegeben hat, mich mit dem Text an die Öffentlichkeit zu wagen.

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